Vor kurzem fragte mich ein Leser, warum ich historische Romane schriebe, meine Thriller seien doch wirklich gut.
Im ersten Moment hatte ich keine Antwort parat, außer, dass es mir Spaß mache. Dann vertröstete ich ihn, ich würde ihm eine ausführliche Antwort schicken.
Dann dachte ich nach: Warum eigentlich schreibe ich für eine Nischen-Leserschaft (etwa 4% Marktanteil)? Okay, ich muss nicht vom Schreiben leben und bin neben Informatiker auch Historiker, das spielt für mich natürlich eine Rolle. Schon bei meinem ersten Roman „Gegen die Gier“ schrieb ich 2016 hier und sagte es auch in einem Interview, dass ich gern einen historischen Roman schriebe. Aber es dauerte bis 2023, dann erst kam „Der Alchemist von Venedig“ gleich mit Verlagsvertrag. Seitdem schreibe ich historische Romane, bis auf den Thriller „In Angst“, aber der war 2021 schon fertig.
Also, was macht den Reiz aus?
An einem historischen Roman ist zunächst die Distanz zur Gegenwart attraktiv. Konflikte wie Macht, soziale Ungleichheit, Krieg, Religion, Sexualmoral oder politische Radikalisierung können im Ambiente einer vergangenen Gesellschaft erzählt werden. Dadurch werden sie von aktuellen politischen und kulturellen Zuschreibungen gelöst.
Hinzu kommt die Fremdheit einer vergangenen Welt. Andere Rechtsordnungen, Kommunikationsmittel, medizinische Möglichkeiten und gesellschaftliche Normen erzeugen Konflikte, die heute nicht mehr so existieren. Eine Nachricht braucht Tage statt Sekunden; eine Frau hat bestimmte Rechte nicht; eine Krankheit ist unbekannt; eine Reise ist umständlich, gefährlich und langwierig. Solche Beschränkungen erzeugen Handlung nahezu von selbst. Gleichzeitig muss der Autor allerdings erheblich recherchieren. Gut, das liegt mir, ich erinnere mich nur an meinen ersten Venedig-Roman, bei dem mein Arbeitszimmerboden voll mit Literatur und Ausdrucken war, ganz zu schweigen von Gigabyte-Internet auf dem Rechner. Für mich – und daran glaube ich auch gestützt auf Erhebungen – lesen Leserinnen und Leser historische Romane, weil sie in die alte/fremde Welt eintauchen wollen. Das ist ihnen zumindest gleich viel wert wie eine gute/spannende Geschichte. Deshalb orientiere ich mich ein wenig an Elisabeth George mit ihren manchmal „ausschweifenden“ Ortsbeschreibungen, bis sie zur Handlung findet. Ich schildere gern, was die Menschen wo tun, aßen und tranken wie sie gekleidet waren, wie sie wohnten etc.
Mich freut es sehr, wenn mir Leserinnen/Leser zurückspiegeln, dass sie mit einem Roman von mir, manches aus der Zeit besser/erstmals verstanden haben.
Der zeitgenössische Thriller hat dagegen andere Stärken. Er kann unmittelbar mit Technologien, Geheimdiensten, Unternehmen, Kriminalität oder aktuellen gesellschaftlichen Konflikten arbeiten. Seine Schwierigkeit besteht gerade in dieser Aktualität: Smartphones, Überwachung, DNA-Analysen, digitale Zahlungen und schnelle Informationsbeschaffung beseitigen viele klassische Handlungshindernisse. Der Autor muss plausibel erklären, warum eine Figur jemanden nicht einfach anruft, etwas googelt oder von einer Kamera erfasst wird. Eine herausfordernde Aufgabe, die ich aber auch gerne leiste. Dazu lege ich meine Thriller auch gern in die nähere Zukunft, in der das eine oder andere Hindernis geglättet werden kann.
Interessanterweise sind die Genres deshalb keine Gegensätze. Ein historischer Roman kann strukturell ein Thriller sein – mit Ermittlungen, Verschwörung, Zeitdruck und Gefahr. Umberto Ecos Der Name der Rose ist ein bekanntes und berühmtes Beispiel: historischer Roman und zugleich Kriminal- bzw. Spannungsliteratur. Ich nutze das ebenfalls, meine historischen Romane haben deshalb alle auch Thriller-Elemente.
Dies Antwort habe ich meinem Leser geschrieben. Bin auf seine Antwort gespannt.
Ach ja: ich habe derzeit nach „Hüte dich vor dem fünften P“, der 1710 in Venedig spielt, (bisher nur bei Amazon als eBook) einen Thriller in Arbeit („Eliza“,Band 4 der Leibner-Reihe) – aber auch einen Plot konzipiert, der sich wieder mit Venedig befasst („Angtst in Venedig“, da geht es um eine fiktive Rebellion. Das reizt mich, weil es in 1000 Jahren in der Republik Venedig im Gegensatz zum sonstigen Europa fast keine revolutionären Entwicklungen gab) und noch einen weiteren, in dem 1882 Lady Florence mit einer Sekte zu kämpfen hat, die in der damaligen Zeit aus den USA nach England überschwappten.
Zu entscheiden, was ich tue, fällt mir schwer. Ich glaube, ich arbeite erst einmal meine Kurzlesung zu „Seifenkrieg“ im Rahmen der Buchmesse Koblenz am 25. Oktober aus …
Euch eine gute Zeit.
Herzlich euer Anton
